*1952
Das frische Dinckelbrot aus
eignem Schroth und Korn!
Der heiße Fencheltee, gesüßt
mit Honig nur!
Bey Müslis koemm ich itzt dem
Vollwerth auff die Spur.
So abgelebt diß scheint/ man
ist im Geiste vorn.
Nichts hat Synthetic hir/
nichts Plastic hir verlorn,
denn man denkt abbaubar. Nach
jeder Frühjahrsschur
webt man sich sein Gewand: So
wird Natur Cultur.
Sein Bett schnützt man sich
selbst mit Beitteln, Leim und Dorn.
Wie urig! Wie autark! Ich
greiff in meine Tasche
Vnd lade hertzlich ein aff
eine feine Flasche
Champagner... Man wehrt ab/
man trinke höchstens Most.
Doch Gährung als Prinzip sey
zweifellos zu loben,
Verrottung auch. Indes bekomm
ich hingeschoben
Ein Schälchen mit Compott –
ich dachte schon Compost.
*1952
So müde schleppt die Flut sich
an den Strand,
so müde! Dicke, dicke Decke
quatscht.
Die Muschel fällt wie tot aus
hohler Hand.
Noch gestern hatt’ sie lustig
hier geplatscht.
Fern große Schiffe ziehn am Horizont,
von leichten Zeiten voll und
wundersam –
ich stehe auf dem alten
Muscheldamm,
der schwarze Schlamm liegt
silbern übersonnt.
Ein Mövenjunges neben meinem
Fuße
versinkt lautlos. O schweres
kurzes Leben!
Es kommt ein leichter Wind auf.
Fliegt, ihr Flocken!
Ich kehre mich, dem alten Land
zum Gruße
und kann nichts tun als mich
nach Haus begeben,
die Stirne übersät mit
schwarzen Pocken.
*1952
(In
memoriam Hugo Egon Balder,
dem
Moderator der ersten Striptease-Show
im
Deutschen Fernsehen „Tutti frutti“, RTL 1990)
„Ihr
süßen Früchtchen ihr, ihr Kiwis herb und grün,
Zitronen,
Ananas - wer will euch nicht vernaschen?
Schon
steht im kurzen Kleid und rosa Herzchen-Taschen
Yvonne
aus Aplerbeck an unsrer Slot-Maschine,
kriegt
tausend Punkte nur. Auf, zeig dich, Tänzerin!
Da
weiß man, was man(n) hat. Jetzt öffnet sie die Laschen,
noch
nicht, noch nicht so ganz. Oh dickes Überraschen:
Was
kugelt da hervor im Doppelpack? Chin, chin!
Ganz
groß, Yvonne, Applaus. Dein Punkte-Konto steigt,
jedoch
gewinnt hier nur, wer auch Verstand gezeigt.
Die
Frage also heißt: Kommt auch dein Geist auf zack?
Wo
steht, in welcher Stadt, der Kölner Dom, Yvonne?
Drei
kleine Tipps: Sie liegt am Rhein, es ist nicht Bonn,
und
die Figur des Doms ist auch ein Doppelpack.“
(erschienen
in Eulenspiegel, Nr. 9/1992, S. 57)
*1952
Der
Osterhase lässt die Turbodüse an:
Ein
Funkenspiel blitzt auf am Leitwerk der Rakete.
Er
drückt den Hebel vor, da reißt die schwere Kette
des
Katapultes ihn auf seine Umlaufbahn.
Den
großen Looping hat der Hase bald passiert.
Die
Kinder brüllen: „Heb’, o Pappi, heb’ mich höher!“
Der
Todeskurve kommt der Hase rasend näher,
die
auf den Scheitelpunkt der Achterbahn ihn führt.
Die
Kinder brüllen: „Schaut, o schaut doch! Mammi, Pappi!
Wie
mutig er doch ist, der liebe Langohr-Schlappi!
Wie
klatscht sein Ohrenpaar ihm um den Gummikopf.
Gleich
drückt er wieder mal die Auswurftaste nieder
und
Schokolade spuckt’s und Eier regnet’s wieder.“
Der
Hase drückt und drückt, doch es versagt der Knopf.
*1952
wort
an wort und wort an wort
schwarz
auf weiß und schwarz auf weiß
klettern
lettern kleben heiß
auf
papier und formen MORD
wort
an wort und dicht an dicht
rattert
jedes wort zum ort
TAT
an SPÄT und MANN an MORD
und
aus punkten sein gesicht
walzen
rollen richtung morgen
scheren
schneiden kreischend grell
gabelstapler
werden laut
stapeln stapeln
ohne sorgen
denkt
ein mann und stapelt schnell
während
er sein brot verdaut
*1952 (Lehrgeticht
in Barock-Schreibweise)
Als rohes Eisenertz/ mit
Taubgestein[1] gebrochen/
zerkleinert und gesibt/ zum Hafen expedirt/
nicht anders auch als Sand per Seefracht importiert/
gelagert/ vorsortirt im
Mischbett[2]
lange Wochen
zum Sinter-Schwamm[3]
verdickt/ als Möller[4]
dann zum Kochen
mit Koks und Zuschlagkalck[5]
dem Ofen eingeführt/
bis sich der Schwefel löst/ der Phosphor Gichtgas[6]
wird/
und endlich schlacken-frey
gluthflißend abgestochen/
erkaltet als ein Brey/ zu festen Masseln[7]
jetzt
erstarrt/ ein Vorprodukt/ so wieder eingesetzt
dem Kupolofen[8]:
neu verflüssigt und verschmolzen
zu schmiedbar hartem Stahl/ gezogen kalt[9]/
gedreht/
gefräst/ gekörnt/ legirt/ ist dieses/ was ihr seht/
ein unscheinbares Theil/ doch
ziemlich harter Boltzen.
*1952
© beim Autor
drängt Art-Director Mike: „Das
ist nicht wie Tandil,
da geht ein Feeling ab,
versteht ihr, ein Gefühl,
allein der Name bringt schon
tierisch viel Emotion.
Der Spot in etwa so: Azurblau
liegt der Ocean
weit hinten, davor Schaum,
Wind, Wellen, nicht zuviel.
Da! Aus dem Wasser taucht ein
griechisches Profil:
Ist das nicht Hölderlin? Er
ist’s! Er bringt die Lotion!
Musik rauscht aus dem Meer:
‚Ich bin die Lotion, denk!’
Die Sonne kurz und heiß. Dann
die Totale, Schwenk
zum Strand hinüber auf die
nackte Diotima.
Er kommt und sieht sie an. Wie
schön ist dieses Paar!
Die Faces strahlen, Schluss.
Die Botschaft voll und klar:
Auch Dir schenkt Hölderlin
sein sanftes Körper-Klima.“
(abgedruckt in: Lyrik heute.
Eine Auswahl neuer deutscher Lyrik, Edition L, Hockenheim 2002, S. 26)
*1952
© beim Autor
Wer günstig reist (wie ich) zur
Wartburg, wo einst Luther
die Bibel teutschte, tut dies
heut per Kaffeefahrt
im komfortablen Bus. Da wird an
nichts gespart:
Im Preis sind inklusiv zehn
Eier, ein Stück Butter.
So bildet man sich leicht und
kommt noch gut in Futter.
Gemütlich kehrt man ein, wo
schon der Gastwirt harrt
bei Soße, Blumenkohl und
Schweinebauch. „Sehr zart!“
ertönt ringsum das Lob manch
dröger Schwiegermutter.
Im Nebenraum sodann erfolgt ein
süßer Schreck:
Ist das nicht Gottfried Sülz?
Er feiert sein Comeback
just hier, er singt für uns,
macht die Gesichter strahlen,
empfiehlt auch, was ihm hilft:
Ein Rheumadecken-Set
für dreizehnhundert Mark. Da
wird auf seinem Bett
selbst Luther noch erlöst in
diesem Set sich aalen.
(abgedruckt in: Lyrik heute. Eine Auswahl neuer deutscher Lyrik, Edition L, Hockenheim 2002, S. 27)
[1] Taub-Gestein: beim Abbau des Eisenerzes anfallendes Gestein mit keinem oder sehr geringem Eisenerzanteil, das schon im Eisenerzbergwerk ausgeschieden wird.
[2] Mischbett: Anlage, auf der verschiedene Eisenerze je nach gewünschten Eigenschaften für den Hochofenbetrieb gemischt und vorbereitet werden.
[3] Sinter: Anlage, in denen die Feinerze und anderen eisenhaltigen Rohstoffe unter Zugabe von Koksgrus und Prozesswasser „gesintert“, also zu schwammartig-porösen Stücken vorbereitet werden, da der Hochofen solches Einsatzmaterial ausreichender Festigkeit verlangt.
[4] Möller: Bezeichnung des Hüttenmannes für das gesamte im Hochofen eingesetzte zu schmelzende Material.
[5] Zuschlagkalk: neben Koks und gesintertem Erz der wichtigste Zuschlag im Möller der Hochöfen. Der Kalk verhindert unerwünschte chemische Prozesse bei der Schmelze und sorgt für einen besseren Betrieb des Hochofens sowie eine leichtere Schlackenbildung.
[6] Gichtgas: Nebenprodukt bei der Stahlerzeugung.
[7] Masseln: quaderförmige Blöcke, zu denen das flüssige Eisenerz unmittelbar nach dem Hochofenabstich vergossen werden kann.
[8] Kupolofen: kleinerer Hochofen, speziell eingerichtet, um Vorprodukte wie Roheisenmasseln in einem zweiten Schmelzverfahren zu veredeln und Stähle unterschiedlicher Qualitäten und Eigenschaften zu erzeugen.
[9] Kalt ziehen: mechanisches Bearbeitungsverfahren zur Formung von Stählen nach dem Verlassen des Hochofens.